Laborbericht

Aus dem Labor

23.11.22

Unser Weg zu einer neuen Verblendsystematik

Die Composite-Flow-Technique im Alltag eines großen Dentallabors

Constanze und Rudolf Reil

Bei den Reils liegt Zahntechnik in den Genen. Seit mehr als 20 Jahren führt ihr Vater Ztm. Rudolf Reil ein Labor in Nabburg. Tochter Constanze wurde für ihr Talent und ihr Können mit mehreren Auszeichnungen geehrt, beispielsweise 2020 mit dem Regensburger Förderpreis als beste Jungtechnikerin in Bayern. Vater und Tochter beschreiben, wie die Verblendtechnik „Composite-Flow-Technique by Moritz Pohlig“ in ihrem Labor etabliert worden ist und welche Vorteile daraus resultieren.

Veränderungen sind gut. Veränderungen sind wichtig. Und – Veränderungen können schwer sein, denn schließlich ist der Mensch ein Gewohnheitstier. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Zahntechnik immer wieder an veränderte Gegebenheiten angepasst. Technologien, Werkstoffe, Patientenbedürfnisse, Kundenwünsche – für uns als größeres Dentallabor bedeutet ein Mangel an Veränderung Stillstand. Daher blicken wir neuen Dingen offen entgegen, ohne dabei unsere Vision aus den Augen zu verlieren: ‧Kundennähe. Denn während zahntechnisch-technologische Kompetenz für das Herstellen qualitativ hochwertiger prothetischer Restaurationen unabdingbar ist, sind andere Komponenten letztlich erfolgsentscheidend: gelebte Kundennähe, persönliches Miteinander und ein vorausschauendes Erkennen von Bedürfnissen. Die individuellen Erwartungen von Zahnarztkunden und ihren Patienten sollten nicht nur erfüllt, sondern übertroffen werden. Es gilt, Wünsche zu verwirklichen und Versprechen einzulösen. Neben der Leidenschaft, mit der wir zahntechnische Arbeit leben, haben wir beide gemeinsam ein Dentallabor zu führen – und hierzu gehören unter anderem unternehmerisches Handeln, Aus- und Fortbildung sowie der Anspruch, immer das Optimum aus der jeweiligen Arbeit herauszuholen. Im Jahr 2021 war Referent Ztm. Moritz Pohlig zu Besuch in unserem Labor und veränderte mit einem großartigen Inhouse-Workshop den Alltag in unserer Kunststoffabteilung nachhaltig. Im Fokus: Die „Composite-Flow-Technique“ mit GC Gradia Plus (GC). Wie wir die smarte Verblendtechnik bei uns etablierten und welche Vorteile daraus resultieren, darüber berichten wir im Folgenden. Wir beschreiben unsere Erfahrungen mit der „Composite-Flow-Technique by Moritz Pohlig“ und gehen darauf ein, wie der Umstieg auf die neue Systematik erfolgte.

Das Labor
In unserem Dentallabor in Nabburg (Oberpfalz) arbeiten wir in einem Team von 35 Mitarbeitenden. Wir sind breit aufgestellt, bieten fast jedwede zahntechnische Leistung an und reagieren flexibel auf Kundenwünsche. Die Arbeitsschwerpunkte sind unterschiedlich verteilt; jeder Zahntechniker hat ein Spezialgebiet und zeichnet dafür verantwortlich (Abb. 1). Die Digitalisierung sehen wir in unserem Alltag als Chance und wertvolle Unterstützung – nicht mehr und nicht weniger. Denn letztlich funktioniert „digital“ nur, wenn „analog“ beherrscht und das über Jahrzehnte gewachsene zahntechnische Wissen angewandt wird. Unsere Auszubildenden werden handwerklich geschult, treten jedoch ab dem ersten Tag mit der digitalen Welt in Kontakt und lassen sich so für unseren Beruf begeistern. Den Wandel der Zahntechnik begleiten wir seit mehr als 20 Jahren und passen ‧Arbeitsweisen immer den aktuellen Möglichkeiten an. Beispiel ist die Kombinationsprothetik. Die Gerüstherstellung ‧erfolgt heute mit digitalen Fertigungstechnologien – präzise und beinahe automatisch. Knifflig wird es bei der manuellen Fertigstellung und der Verblendung. Hier standen wir lange Zeit vor einer Grenze, die uns durch unser altes Materialkonzept vorgegeben war. Das konnten und wollten wir irgendwann nicht mehr akzeptieren.

Das Versprechen an den Patienten
Grundlage in der Kombi-Prothetik ist bei uns seit jeher das Wax-up, über welches wir gemeinsam mit dem Zahnarzt die Patientenwünsche evaluieren und anpassen. Der Patient erhält einen realistischen Eindruck davon, wie sich der fertige Zahnersatz im Mund anfühlen und das neue Lächeln aussehen wird. Somit wird das Wax-up zum Versprechen – ein Versprechen von uns an den Patienten (Abb. 2). Und ein Versprechen kann leicht wie eine Feder sein oder schwer wie Blei. Wir mögen es leicht und waren daher auf der Suche nach einem effizienten und zugleich reproduzierbaren Weg, über den sich das Wax-up eins zu eins auf den definitiven Zahnersatz übertragen lässt.

Das passende Komposit-System
Bis dato war das Überführen des Wax-ups in Komposit (Verblendung) ein neuralgischer Punkt innerhalb des Gesamt-Workflows in der Kombi-Prothetik. Wir arbeiteten damals mit zwei Kompositen unterschiedlicher Hersteller. Diese Materialien entsprachen hinsichtlich Qualität, Ästhetik und Materialbeschaffenheit nicht dem Niveau, welches wir als State of the Art von einem Komposit erwarten. Und wie es so schön heißt: „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“. Uns war klar, dass die moderne Werkstoffkunde andere Perspektiven bieten muss. Wir wollten unsere Verfahrenstechnik mit einem hochästhetischen Komposit anpassen, welches sich mit einer entsprechenden Systematik gut verarbeiten lässt.

Die Composite-Flow-Technique
Auf der Suche nach einem ästhetisch ansprechenden und qualitativ hochwertigen Komposit lernten wir verschiedene Materialien kennen. Da wir bereits einige ‧Produkte der Firma GC nutzten und sehr zufrieden waren, wollten wir auch das modulare Komposit-System GC Gradia Plus kennenlernen. Wir haben selbst recherchiert und ließen uns auch beraten. Nun wurden wir richtig neugierig. Unter anderem aus Sicht der Werkstoffkunde klingt das Material interessant. GC Gradia Plus basiert auf einer Keramik-Polymer-Technologie. Die optischen Eigenschaften dieses Nano-Hybrid-Komposits (Leuchtkraft, Transluzenz, Chroma und Opaleszenz) kommen einer modernen Keramik sehr nahe. Wir wollten das System genauer kennenlernen. Die Kurs-Ausschreibung „Keep it simple – Composite-Flow-Technique by Moritz Pohlig“ klang hierfür nach dem richtigen Weg. Einerseits konnten wir das Material live testen. Andererseits sollten wir einer klugen Systematik für Komposit-Verblendungen begegnen. Mit Unterstützung des Unternehmens GC organisierten wir einen Inhouse-Kurs, an dem alle interessierten Zahntechniker unseres Labors teilnehmen konnten (Abb. 3).

Der Wendepunkt
Während der beiden großartigen Kurstage tauchten wir in die Welt eines modernen Komposits ein. Der Referent Ztm. Moritz Pohlig begeisterte mit sympathischer Art sowie ausgezeichneter Didaktik. Nach der theoretischen Einführung ging es an die praktische Arbeit. Basierend auf einem Wax-up verblendeten wir mit der „Composite-Flow-Technique“ eine Restauration mit GC Gradia Plus. Moritz Pohlig zeigte uns, wie logisch und simpel mit seinem Workflow ein ansprechendes Ergebnis erzielt werden kann – reproduzierbar und bei gleichbleibend hoher Ergebnisqualität. Das Kurskonzept war von A bis Z durchdacht, sodass jeder aus unserem Team dem Vorgehen folgen konnte. Mit fachlich fundiertem Know-how, praktischer Erfahrung sowie mit seiner authentischen Art begeisterte Moritz unser Team – für ein tolles Produkt und für eine unglaublich ausgefeilte Systematik.
Die „Composite-Flow-Technique“ ist ein sauber strukturierter Workflow, mit dem die Komposit-Verblendung vorhersagbar realisiert wird. Grundlage bildet die Küvetten-Technik, mit welcher homogene ‧Verblendungen frei von Luftbläschen oder Einschlüssen entstehen. Der komplette Workflow – vom diagnostischen Wax-up bis zur definitiven Restauration – ist in ‧einer bewährten Systematik strukturiert. Planbar, systematisch, vorhersagbar – genau das macht dieses Konzept so verlässlich.
Besonders gefallen haben uns die Vielseitigkeit sowie die Beschaffenheit und das Handling des Komposits. Und so brachte der Workshop nicht nur eine Menge Spaß, sondern führte zu einem konkreten Ergebnis: Endlich hatten wir ein reproduzierbares Komposit-Konzept an der Hand, um zum Beispiel bei Kombi-Arbeiten das Wax-up – unser Versprechen an den Patienten – auf die definitive Restauration zu übertragen. Unsere Suche nach einem ästhetisch ansprechenden und qualitativ hochwertigen Komposit-System schien beendet. Da GC Gradia Plus all unseren Wünschen gerecht wurde, fiel uns die Entscheidung leicht. Wir trafen gemeinsam den Entschluss für die Umstellung auf das neue Materialsystem. Doch wie wird der Umstieg im Laboralltag gelingen? Schließlich ist doch der Mensch ein Gewohnheitstier und verfällt gern in alte Routinen.

Der Umstieg auf ein neues ‧Materialkonzept
Gerade in einem Labor mit größeren Strukturen kann die Umstellung auf ein neues Materialsystem eine echte Herausforderung darstellen. Während des Workshops erzielten wir unter der Anleitung von Moritz Pohlig sehr gute Ergebnisse und waren hochmotiviert, die „Composite-Flow-Technique“ sofort in unseren Alltag zu integrieren. Doch nun waren wir auf uns selbst gestellt. In unserem Labor setzen wir auf Teamwork und Zusammenhalt (Abb. 4). Wir wissen, dass der Laborerfolg auf unserer Gemeinschaft basiert. Uns ist es daher wichtig, alle Mitarbeitenden in Veränderungsprozesse einzubeziehen. In der Unternehmensführung gilt eine einfache Faustformel. Bei einer Veränderungsinitiative teilt sich die Belegschaft in drei Gruppen: die Begeisterten (etwa 20 Prozent), die Zögerlichen (etwa 60 Prozent) und die Bewahrer (etwa 20 Prozent). Um eine Veränderungsinitiative nicht im Sand verlaufen zu lassen und um Konflikte zu vermeiden, sollte ein solcher Prozess gut gemanagt werden. Nicht nur für das neue Material und den veränderten Verfahrensweg ist zu entscheiden, sondern auch darüber, wann, wie und in welchem Tempo die Umstellung erfolgen soll. Veränderungen finden im Kleinen, an jedem einzelnen Arbeitsplatz statt. Doch letztlich ist das Unternehmen als Ganzes gefordert: Wie gehen wir mit Veränderungen um und wie nehmen wir unsere Kollegen mit auf die Reise? Wie leicht oder schwer Veränderungen realisiert werden, ist ein Indikator dafür, ob ein Unternehmen gut auf Veränderungen eingestellt ist. Wir haben die Gewissheit, dass, wenn der Wandel im Kleinen möglich ist, auch große Veränderungen leichter gelingen können.

Die „Composite-Flow-‧Technique” im Laboralltag
Wir fertigen nach wie vor für alle Arbeiten ein Wax-up, welches im Mund des Patienten geprüft und angepasst wird. Das Wax-up lässt sich über einen Doppelscan in das Provisorium überführen und später mittels „Composite-Flow-Technique“ auf die Gerüststruktur übertragen. Dieser Weg hat sich in unserem Laboralltag als sehr effizient erwiesen. Das Ergebnis ist stets reproduzierbar, dies wiederum ermöglicht eine gleichbleibend hohe Ergebnisqualität. Im vorgestellten Patientenfall sollte der zahnlose Oberkiefer mit einem implantatgetragenen Zahnersatz (Doppelkronen-Konzept nach Weigl-Protokoll) versorgt werden. Zunächst wurden für die sechs osseointegrierten Implantate (RC, Straumann) vollkeramische Abutments (Primärteile) aus Zirkonoxid gefertigt (Abb. 5) und im Anschluss an die entsprechenden Nacharbeiten (Fräsen, Politur et cetera) Galvanokäppchen als Sekundärteile hergestellt (Abb. 7 und 8). Als provisorischer Zahnersatz diente ein über die Primärteile verankertes PMMA-Provisorium (Abb. 6). Es wurde von der Patientin bis zur Eingliederung der definitiven Restauration getragen. Zudem kann dieser Zahnersatz nun als Ersatz- beziehungsweise Reiseprothese genutzt werden. Nach der Konstruktion und dem Inhouse-Fräsen des Tertiärgerüsts (NEM)(Abb. 9 und 10) wurde die Arbeit mit der „Composite-Flow-Technique“ (GC Gradia Plus) verblendet (Abb. 11 bis 13). Die Umsetzung erfolgte sehr strukturiert, was Ruhe und Sicherheit in den Ablauf brachte. Das Ergebnis entsprach exakt den Erwartungen: Ein ästhetischer Zahnersatz aus Komposit, der mit natürlichem Farbspiel und lebendiger Oberflächenstruktur an eine keramische Verblendung erinnert (Abb. 14 und 15).

Das Fazit
GC Gradia Plus haben wir schrittweise in den Laboralltag integriert und nach einigen Wochen komplett auf das neue System umgestellt. Grundsätzlich fiel die Umstellung leicht. Werden die Herstellerangaben befolgt und die empfohlene Vorgehensweise aus dem Workshop beherzigt, ist die Arbeit mit der „Composite-Flow-Technique“ problemlos. Doch wie immer gilt: Die Integration eines neuen Materials benötigt Zeit. Nach ein wenig Übung wurde der Umgang mit dem Materialkonzept in unserem Labor zur Gewohnheit, die wir nun nicht mehr missen möchten. Routiniert und sicher gelangen wir zu einer sauberen Komposit-Verblendung, die exakt dem Wax-up entspricht und mit der wir unser Versprechen einlösen. Diese Veränderung hat uns einen großen Schritt weitergebracht.

Fortbildung

Curriculum Funktionsdiagnostik

Stabile, reproduzierbare Okklusion und gelungene Ästhetik – Modul A am 14./15.10.2022


Service

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