Bericht

Jungzahntechnik

07.04.22

Zahntechnik einmal anders

Meine Erfahrung bei einem Besuch in einem Seniorenheim

Berkay Irkil

Wir wissen alle, wie das ist, noch eine Unterfütterung auf den Tisch zu bekommen, die bis 14 Uhr fertig sein muss: Auf die Plätze, fertig, los! Wenn es dann zwei oder drei Reparaturen sind, die durchgeführt werden müssen, bleibt wenig Zeit, sich über die Arbeit Gedanken zu machen.

Unter Zeitdruck eine funktionstüchtige und attraktive Arbeit herzustellen, gehört zu den Fähigkeiten, die sich jeder Zahntechnikerlehrling anzueignen versucht, um später sicher in der Branche Fuß fassen zu können.
Ich war oft entsetzt, wenn ich schlecht gereinigte Prothesen sah, und ich fragte mich, warum es vielen Patienten so schwerfällt, auf die Mundhygiene zu achten. Sollen wir als Zahntechniker diese Problematik einfach so hinnehmen, da wir eigentlich nur indirekt einen Bezug zur Mundhygiene der Patienten haben? Oder sollen wir uns, anstatt uns über schlecht gepflegte Prothesen mit Zahnsteinbelag zu ärgern, Gedanken über die Ursachen dafür machen?

Woher kommen unsere Arbeiten?
Hast du dir auch einmal überlegt, woher eigentlich die Arbeiten kommen?
Wir gehen davon aus, dass der Patient eine Zahnarztpraxis besucht und die Labore anschließend die Mundsituation in Form einer Abformung als Basis weiterer zahntechnischer Arbeiten erhalten. So wird es uns zumindest in der Berufsschule beigebracht. Doch leider ist dies nicht immer der Fall.
Viele ältere Patienten schaffen es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr, eine Zahnarztpraxis zu besuchen. Sie leben in Seniorenheimen und sind darauf angewiesen, bei der Mundpflege unterstützt zu werden. Bei einer meiner Klassenkameradinnen stellte sich beispielsweise heraus, dass es sich bei ihrer Arbeit um die Prothese eines demenzkranken Patienten handelte.

Alterszahnheilkunde – ein wichtiges Thema
Das hat mich in meiner Denkweise über Arbeiten wie diese stark beeinflusst und ich machte es mir zur Aufgabe, mich über die Hintergründe zu informieren. Mein Hauptfokus dabei war auf Pflegeheime gerichtet. Bei meiner Recherche stieß ich auf Zahnarzt Dr. Elmar Ludwig, der sich intensiv mit der zuvor erwähnten Problematik befasst, und mir war sofort klar, dass er der richtige Ansprechpartner für mich ist. Ich nahm Kontakt zu ihm auf, woraufhin er mich zu einem seiner Kurse „Alterszahnheilkunde – das Wichtigste in Kürze“ nach Stuttgart einlud.
Diese Kurse sollen Zahnärzte, Kolleginnen und Kollegen in der Zahnheilkunde, aber auch Pflegekräfte in Seniorenheimen über die zahnärztliche Betreuung pflegebedürftiger Menschen aufklären. Auch für mich als Lehrling in der Zahntechnik war diese Fortbildung überaus lehrreich, denn nun konnte ich mir ein besseres Bild darüber machen, warum einige Arbeiten in einem schlechten Zustand bei uns eintreffen.

Bessere Lebensqualität durch gute Mundgesundheit
Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland nimmt immer mehr zu; derzeit sind es etwa 4 Millionen. Bis zum Jahr 2030 kann man von sechs Millionen betroffenen Menschen ausgehen (Quelle: Barmer Pflegereport 2021). Doch was heißt das eigentlich?
Wie du sicherlich schon mitbekommen hast, gibt es in Deutschland einen Mangel an Pflegekräften, was angesichts der ansteigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen äußerst kritisch ist, vor allem auch im Hinblick auf die Mundgesundheit der pflegebedürftigen Senioren. Dafür bleibt nämlich bei dem strammen Dienstplan des Pflegepersonals wenig Zeit, und schnell bleibt die Prothese „links liegen“.
Dies kann sich negativ auf die allgemeine Gesundheit der Seniorinnen und Senioren in Pflegeheimen auswirken. So ist beispielsweise eine der häufigsten Todesursachen in Pflegeinrichtungen die Lungenentzündung (Aspirationspneumonie). Werden die Prothesen über Nacht herausgenommen oder vor dem Schlafengehen gereinigt, halbiert sich das Risiko, an dieser Erkrankung zu sterben. Es gilt: Wird die Mundgesundheit verbessert, wird die allgemeine Gesundheit verbessert.
Fakt ist: Pflegekräfte sind keine Zahnmediziner und haben auch nicht die Verantwortung eines Zahnarztes zu tragen. Jedoch könnten sie sich anhand von Mundhygieneplänen besser orientieren und individuell auf die Bewohner von Pflegeeinrichtungen eingehen, wie beispielsweise Fragen aus dem Weg räumen, ob der Patient Unterstützung bei der Mundpflege braucht.
Ich bin davon überzeugt, dass die Integration dieser Pläne in den Pflegealltag zu einer effizienteren Arbeitsweise und womöglich einer Zeitersparnis für die Pflegekräfte führen kann. Zudem wird das Wohlbefinden des Patienten gefördert, was als weiterer und auschlaggebender Vorteil zu erwähnen ist. Ein gepflegter Mund bedeutet mehr soziale Teilhabe, Freude, Lebensqualität, weniger Mundgeruch …

Kooperationsverträge mit Pflegeheimen
Es ist wichtig, dass Zahnärzte regelmäßige Heimbesuche durchführen. Vor allem dann, wenn Patienten nicht mehr in der Lage sind, selbstständig zum Zahnarzt zu gehen. Hast du jemals das Wort „Kooperationsvertrag“ gehört?
Unter einem Kooperationsvertrag versteht man die Zusammenarbeit (in diesem Fall zwischen Zahnarzt und Pflegeheim) mit der Absicht, eine regelmäßige zahnärztliche Versorgung sicherzustellen, um die Mundgesundheit der Bewohnerinnen und Bewohner von stationären Pflegeeinrichtungen zu erhalten und zu verbessern.

Eine ganz neue Erfahrung
„Mittendrin statt nur dabei“ hieß es für mich, und ich vereinbarte mit Dr. Ludwig einen Termin für eine Hospitation in einem Pflegeheim in Ulm. Ich hatte bereits einige Praktika in verschiedenen Zahnarztpraxen absolviert, doch dieses Mal kam eine komplett neue Erfahrung auf mich zu. Um 8:30 Uhr traf ich vor der Pflegeeinrichtung ein. Ich wurde herzlich von Dr. Ludwig und seinem Team in Empfang genommen und die ersten Visiten gingen los.
Für die Kontrolluntersuchungen hatten wir einen Rollwagen mit allem Nötigen dabei, damit wir alles praktisch von A nach B transportieren konnten. Das Instrumentarium war ziemlich einfach gehalten: Sonde, Spiegel, Watterolle, Kompressen und Einwegzahnbürsten. Für die Reihenuntersuchungen war dies völlig ausreichend. Bemerkungen und das weitere Vorgehen wurden von Dr. Ludwigs Assistentin in den Karteikarten der Patienten vermerkt. Wir hatten einen ziemlich straffen Zeitplan, dennoch nahm sich Dr. Ludwig Zeit, ging auf jeden einzelnen Patienten individuell ein und vermittelte ein Gefühl von Wertschätzung und Anerkennung. Genau diese positive Einstellung, die Dr. Ludwig beim Behandeln ausstrahlte, hat mich sehr überzeugt. Schließlich arbeiten wir professionell mit Menschen, und soziale Kompetenzen sollten dabei an erster Stelle stehen.
Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass sich die Patienten über den Besuch gefreut haben und dankbar waren. Ein eigentlich „einfaches“ Prothesenwaschen unter fließendem Wasser zauberte ihnen beim Einsetzen der Prothese ein Lächeln ins Gesicht. Diese Momente haben mir gezeigt, mit welch einfachen Mitteln man den Patienten eine Freude bereiten kann.
Einige Bewohner der Pflegeeinrichtung waren aufgrund ihrer Erkrankung nicht in der Lage, sich zu äußern und zu interagieren. Gerade dann war es wichtig, sich dem Patienten mit Geduld zu nähern und ihm die Zeit zu geben zu verstehen, dass jetzt etwas im Mund passiert, und die damit verbundenen Reize zu verarbeiten. Wenn Patienten nicht gleich interagieren, liegt es nicht zwingend daran, dass sie grundsätzlich nicht wollen, sondern dass sie erst verstehen müssen, was gerade passiert. Durch eine ruhige und geduldige Herangehensweise wird das Vertrauen aufgebaut und die Patienten sind während der Behandlung entspannter.
Dr. Ludwig war bereits mit vielen Bewohnern vertraut. Im Lauf des Tages ist mir aufgefallen, dass viele der Seniorinnen und Senioren, aber auch Angehörige das Bedürfnis hatten, sich zu unterhalten, Trauer zu teilen oder Frust loszuwerden. Aus diesem Grund finde ich es sehr wichtig, ein offenes Ohr für die Bewohner zu haben, denn oft liegen die Besuche der Familien weit zurück, und viele sehnen sich nach Besuch oder einer Unterhaltung.
In solchen Momenten versuche ich, Empathie aufzubauen, und versetze mich in die Lage der Person. Später möchte ich auch nicht aufgrund meines Alters abgeschrieben werden, und ich wünsche mir, dass dann auch professionell und kompetent mit mir umgegangen wird. Schließlich ist das ein Grundrecht jedes einzelnen Menschen.
Ich hoffe, ich konnte mit diesem Bericht einige Hintergründe zu optisch nicht so schönen Arbeiten vermitteln und verdeutlichen, dass wir diese aus einer anderen Perspektive betrachten sollten – das würde ich mir wünschen. Viel Erfolg euch allen weiterhin!
An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei Herrn Dr. Elmar Ludwig dafür bedanken, mir dieses Projekt ermöglicht zu haben.

Vita

Berkay Irkil Zahntechniker und Teilnehmer beim Young Talent Award des Forum 25 der ADT

Service

Immer auf dem neuesten Stand

Mit unserem dental dialogue-Newsletter bleiben Sie immer auf dem Laufenden, mit aktuellen Entwicklungen und Nachrichten aus der Branche.


Premium

Heftarchiv

Abonnenten mit einem Login auf unserer Website erhalten Zugriff auf unseren stetig wachsenden Pool ganzer Ausgaben der dental dialogue.


Anzeige

Fortbildung

Hochwertige Fortbildung

Auf www.teamwork-campus.de finden Sie Anmeldemöglichkeiten zu aktuellen Fortbildungen.


Bookshop

Fachbücher bestellen

Sie finden unser gesamtes Angebot an Fachbüchern für Zahntechnik und Zahnmedizin im Online-Shop.

Bericht

Jungzahntechnik

07.04.22

Zahntechnik einmal anders

Meine Erfahrung bei einem Besuch in einem Seniorenheim

Berkay Irkil

Vita

Berkay Irkil Zahntechniker und Teilnehmer beim Young Talent Award des Forum 25 der ADT

Weitere Beiträge zum Thema

Eventbericht

Jungzahntechnik

11.12.22

Auf dem Weg nach oben!

Wer sich hohe Ziele steckt, muss wissen, dass die Luft ganz oben sehr dünn wird. Für die 15 Teilnehmer des …

Bericht

Jungzahntechnik

19.10.22

Zahnmedizin, Zahntechnik – oder lieber Dentaltechnologie?

Im Laufe seines Lebens steht man vor vielen Entscheidungen – gehe ich den einen oder doch besser den anderen Weg? …